Reisebericht Wintertour in den Sarek Nationalpark

Tag 1 – 3: Der Start unserer Expedition

Die Corona-Krise hat die Welt fest im Griff. Aber sie gibt uns auch die Möglichkeit, uns für die Zeit danach stärker aufzustellen, lang geplante Projekte umzusetzen und neue Touren zu erkunden. 

Deshalb stehen wir auf dem Parkplatz in Kebnats, direkt im schwedischen Fjäll und starten unsere Expedition in den Sarek-Nationalpark. Ski und Pulka sind bereit und wir auch, ab in die Einsamkeit.  

In den nächsten zwei Wochen wollen wir eine neue Tour vorbereiten, die wir im nächsten Winter unseren Gästen anbieten können. 

Wir haben wirklich Glück, wir müssen nicht zu Hause im «Home Office» sitzen, sondern können etwas tun. Los geht´s. Wir überqueren zunächst den angestauten Luleälven und meistern dann einen recht steilen Aufstieg bis hinauf zur Baumgrenze. 

Der Wind wird langsam immer stärker. Am Nachmittag erreichen wir den See Pietsaure und  suchen uns einen schönen, windgeschützten Zeltplatz zwischen ein paar Birken.

Am nächsten Tag ist es zunächst noch sonnig und wir überqueren mit guter Sicht den riesigen See. Danach wird es hügelig und es geht durch dichten Birkenwald, wo wir uns den besten Weg suchen müssen. Durch diesen Urwald zu laufen ist immer recht mühsam, ständig bleibt man mit der Pulka an Bäumen und Sträuchern hängen, muß die Pulka abhängen, mit den langen BC-Ski zurücklaufen und die Pulka befreien. Zum Glück ist der Schnee fest und wir sinken nicht auch noch ständig tief ein.

Endlich sind wir durch den Wald hindurch und wieder oberhalb der Baumgrenze. 

Es kommt Wind auf, der langsam, fast unmerklich immer heftiger wird und sich bald zum Whiteout entwickelt. Null Sicht, heftiger Wind von vorn, wir brauchen dringend Schutz. 

Der ist jedoch hier oben, an einem baumlosen Hang schwer zu finden. Wir wären besser im geschützten Wald geblieben, doch zur Umkehr ist es jetzt zu spät. Nach langer, ermüdender Suche im heftiger werdenden Sturm, finden wir endlich einen riesigen Findling, hinter dem wir unsere Zelte halbwegs windgeschützt aufbauen können. 

Die Kochstelle graben wir in eine Schneewehe, es geht einigermaßen, obwohl der Triebschnee, der uns auf der Lee-Seite des Steins unablässig ins Gesicht weht, sehr unangenehm ist. Der Schnee klebt überall und schmilzt auf den Kleidern, offene Jackentaschen sind bald voller Schnee. Hier draussen zu essen ist unmöglich, nur schnell genug Wasser kochen, eine Tüte Trockennahrung schnappen und ab ins Zelt. 

Die Nacht wird unruhig, die Zeltwände flattern geräuschvoll im Sturm, an Schlaf ist kaum zu denken. In dieser Nacht ahnen wir jedoch noch nicht, daß das nur ein kleiner Vorgeschmack ist, und es noch viel heftiger kommen soll.

Doch zunächst wird das Wetter besser, am nächsten Tag haben wir Sicht auf die herrlichen Berge ringsum und die Sonne scheint.

Nach Kaffee und Müsli laufen wir weiter, es wird ein herrlicher Tag. An einem sehr schönen Platz auf einer kleinen Ebene unterhalb einer Steilwand können wir nicht vorbei gehen. Die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel. Das müssen wir einfach genießen und beschließen, hier zu übernachten. 

Wir können unsere Daunensachen in der Sonne trocknen und hinter einer Schneewehe unsere «Küche» aufbauen. In der warmen, leuchtenden Abendsonne genießen wir das Essen und die atemlose Stille um uns herum. So herrlich kann das Leben sein. 

Tag 4 – 6: Stürmische Tage

Am Morgen ist das Wetter wieder schlechter, starker Wind, kaum Sicht. Die herrlichen Berge, die wir gestern noch in der Sonne bewundert haben, sind im Whiteout verschwunden.

Wir essen eilig unser Frühstück, packen zusammen und laufen weiter Richtung Südwesten. Wir suchen ein schmales Tal, die Verbindung zum bekannten Rapadalen, ins Herz des Sarek-Nationalparks.  

Navigation ist nur noch mit GPS möglich. Der Wind wird immer stärker und die Sicht ist jetzt gleich Null. Ohne Satelliten-Navigation wäre ein Weiterlaufen völlig unmöglich. Wir überqueren einen großen See, dem Sturm völlig ausgesetzt, der Weg streckt sich schier endlos. 

Hinter den Bergwänden finden wir etwas Schutz vor dem Wind. Ein kurzer Rast, Essen und Trinken, dann geht es weiter.  

Die Sicht wird langsam besser und der Wind legt sich etwas. Wir setzen unsere Route auf einem zugefrorenen Fluss fort. Das Eis ist noch stabil, von ein paar offenen Stromschnellen abgesehen. Es ist schon April und Flusseis ist nie sicher, erst recht nicht in diesem Winter, der ungewöhnlich warm war. Man muß auf gefrorenen Flüssen immer höllisch aufpassen und einige Erfahrungen mitbringen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. 

Es gibt kleine Bäche in den Wäldern, die auch bei 40 Grad minus nie zufrieren. Auch die größeren Flüsse haben jetzt meist nur noch Schneebrücken. Der im Frühjahr steigende Wasserspiegel und die wärmeren Temperaturen machen das Ganze zunehmend instabil.  

Nach mehreren Kilometern wird der Wind wieder stärker. Es ist bereits Nachmittag. Hinter einem großen Bergrücken, der in den Fluß hineinragt, finden wir einen geeigneten Platz für die Nacht, der den Wind aus Nordwesten ganz gut abschirmt. 

Für kommenden 24 Stunden ist starker Sturm vorhergesagt, mit Böen über 30 m/s aus Nord-Nordwest. Bei dieser Prognose, die wir über Satellit abgerufen haben, wird uns etwas mulmig. Wir bereiten uns vor: Zelte gut abspannen, Pulkas beschweren und windgeschützt verstauen. Zum Abspannen nehmen wir alles, was wir haben, auch die Skistöcke, Ski, Lawinenschaufeln und bauen zusätzlich Mauern aus Schnee um die Zelte. 

Am Abend kommt dann der Sturm mit aller Heftigkeit. Die Zelte leisten Schwerstarbeit, werden vom Wind niedergedrückt und wieder angehoben. 

In der Nacht wachen wir auf, weil der Wind ungehindert in ein Zelt bläst. Es liegen etwa 2 cm Schnee im Innenzelt, der alles bedeckt. Jetzt muss es schnell gehen, raus in den Sturm. 

Zum Glück hat sich nur eine Abspannung gelöst und der Reißverschluß vom Außenzelt ist offen. Das ist schnell gerichtet, zum Glück nichts defekt oder gerissen. Innenzelt ausfegen so gut es geht und schnell wieder rein ins Zelt.  

Heute ist Ostersonntag, immer noch stürmt es ohne Pause. An ein Weitergehen ist nicht zu denken. Wir bleiben im Zelt, lesen oder spielen Sudoku. 

Immer wieder rasen die Böen auf uns zu, mit unverminderter Geschwindigkeit. Es scheint, als ob der Wind das Zelt vom Berg fegen möchte. Aber auf unsere Ausrüstung können wir uns verlassen. Die Zelte halten dem Sturm stand und die Schlafsäcke wärmen ordentlich.

Am späten Nachmittag lässt der Wind etwas nach und wir können wenigstens Essen machen und Wasser kochen. Das Ostermenü besteht aus einer Tütensuppe und Trekkingnahrung, dazu gibt’s Tee und Kaffee, ein paar Kekse und Schokolade.

Ostermontag – der Wind ist schwach, der Himmel fast klar, was für eine Freude.

Motiviert bauen wir die Zelte nach dem Frühstück ab und ziehen weiter. Die hohen, steilen Berge um sich zu haben, ist wahnsinnig beeindruckend, die Sicht gigantisch. Vorbei an wunderschönen Berggipfeln und Tälern erreichen wir schließlich den Fluß Rapaädno und fahren hinunter ins Rapadalen.

Tag 7 – 9: Das wunderschöne Rapadalen

Zwei Tage geht es durch das wunderschöne Rapadalen. Wir laufen, dort wo es möglich ist, auf dem breiten Fluss. Wenn das Eis an den Stromschnellen schon geschmolzen ist, gehen wir über die verharrschten Schneewehen am Ufer. Das Tal wird eingerahmt von schroffen Bergen und steilen Hängen. Einsamkeit und Wildheit dieser Landschaft sind überwältigend. Beeindruckende Stille ringsherum, keine Geräusche sind zu hören, nur ein paar kleine Kohlmeisen fliegen von Ast zu Ast. Während der gesamten Tour haben wir nicht einen einzigen Menschen getroffen.

Das Ufer ist teilweise so steil, daß Thora einmal fast ins Wasser gezogen wird. Die Pulka rutscht weg und liegt plötzlich im reissenden Fluss. Jetzt muss es schnell gehen, Ski abschnallen und die Pulka mit vereinten Kräften aus dem Fluß ziehen. Nur mit Mühe können wir verhindern, daß auch Thora im kalten Wasser oder auf einem der großen, scharfkantigen Steine landet.

Wir weichen in den Birkenwald aus, etwas weg vom Fluß. Das ist eine echte Quälerei, die richtig viel Zeit und Kraft kostet. Wir müssen die schweren Pulkas durch von der Sonne aufgeweichten Tiefschnee ziehen und durch den urwaldartigen Wald, bergauf, bergab.

Immer wieder stoßen wir auf frische Tierspuren, Elche und Rentiere, und auch der scheue Vielfraß ist mehrfach über den Fluß gelaufen.

Endlich wird der Fluß breiter und ruhiger, seine Oberfläche wieder fest und hart. Von ein paar offenen Stellen abgesehen, denen wir jedoch gut ausweichen können, überqueren wir ihn mehrfach. 

Am Mittag erreichen wir den Fuß vom gigantischen Nammasj. Der Nammasj ist ein etwa 800 m hoher, beeindruckender «Felsbrocken», der mitten im Fluß steht. Er bildet mit Skierfe und Tjahkkeli den Hotspot, für den das Tal weltbekannt ist. Hier hat der Fluß Jahrmillionen alles abgetragen, was ihm im Weg war. Nur der Nammasj in seiner Mitte hat standgehalten.

Wir schlagen unterhalb der Steilwand unser Lager auf, direkt am Fluss mit Blick auf die herrliche Bergwelt. Das Wetter ist fantastisch.

Mit Schneeschuhen steigen wir die etwa 300 Höhenmeter auf den Gipfel. Und das hat sich ohne Zweifel auch gelohnt: die Aussicht auf die Steilwand vom Skierfe und aufs Delta des Rapaädno ist überwältigend. 

Tag 10 – 12: Besteigung des Berges Skierffe – der krönende Abschluss

Gestern sind wir bei der Fjällhütte Aktse angekommen, die aber schon geschlossen hat. Wir haben das komplette Flußdelta durchquert, direkt unterhalb der Skierfe-Wand, und den Skierfe wollen wir heute besteigen. 

Es ist schon sehr warm, auch nachts gab es keinen Frost mehr, wir brechen sehr frühzeitig zu unserer Bergtour auf.  Der Aufstieg beginnt im Wald, recht steil bis zur Baumgrenze, ohne Pulka aber kein Problem. Dann queren wir die Hänge auf der Hochebene durch teilweise stark abfallendes, verharrschtes Gelände. 

Wir können mit den Ski bis auf den Gipfel steigen. Oben ist es sehr windig, wie immer eigentlich. Aber die Sicht heute ist spektakulär. Die Sonne brennt vom Himmel und wir können bis weit zurück in die Täler blicken, die wir vor ein paar Tagen noch durchquert haben. Das ist nochmal ein echtes Highlight zum Ende unserer Tour. 

Wir haben noch zwei Tage für den Rückweg und laufen auf dem Kungsleden hinunter nach Kvikkjokk. Wir nehmen uns viel Zeit, da das Wetter gut ist und wir übernachten unterwegs in der Nähe von der Parte-Hütte. In Kvikkjokk angekommen, warten wir auf dem Parkplatz. Wir bleibt noch etwas bis zur Abholzeit, ein letztes Süppchen zum Aufwärmen und ein letztes Foto zur Erinnerung. 

Über den Autor

Michl
Michl
in den 80er und 90er Jahren war er auf den höchsten Bergen der Welt unterwegs. Seit 20 Jahren mit Ski, Schneeschuhen, Boot und zu Fuß auf Tour im Norden.

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